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Januar 10, 2023

Ist Wut gut? Über die Emotion mit schlechtem Ruf

Lesedauer 5 Minuten

Wut ist ein Gefühl, das in unserer Gesellschaft häufig geächtet und nicht gern gesehen wird. Fragen wie “Was wirst du denn so wütend?” geben uns auf subtile Art und Weise zu verstehen, dass unsere Wut an der Stelle weder nachvollziehbar noch akzeptabel wäre. Folglich versuchen viele Menschen ihre Wut zu unterdrücken.

Doch ist das wirklich hilfreich? Ist Wut per se etwas Schlechtes? Und wie kann ich lernen, meine Wut(anfälle) in den Griff zu kriegen?

All diese Fragen möchten wir dir in diesem Artikel beantworten.

Was ist Wut?

Wut ist eine starke, kraftvolle Emotion. Sie gehört zu den von Ekman definierten 7 Basisgefühlen (Wut, Freude, Traurigkeit, Angst, Ekel, Überraschung, Verachtung), über die jeder Mensch verfügt. Ganz allgemein wird Wut in ihrer Valenz tendenziell eher als unangenehm (statt angenehm) und in ihrem Erregungsniveau eher als erregt (statt ruhig) beschrieben. Die hohe Erregung führt dabei häufig zu einem starken Handlungsdrang, beispielsweise dem Impuls etwas zerschlagen, “wegpfeffern” oder laut schreien zu wollen. Dabei wird bereits deutlich: Unsere Wut scheint uns zu mobilisieren und uns innerhalb kürzester Zeit viel Energie bereitzustellen.

Wann werden wir wütend?

Wut stellt sich meistens ein, wenn wir ein bestimmtes Bedürfnis haben, welches aufgrund einer auftretenden Barriere nicht befriedigt werden kann. Dein Bedürfnis könnte zum Beispiel lauten “schnell zur Geburtstagsfeier zu kommen” und die Barriere wäre wortwörtlich die Vollsperrung vor dir auf der Autobahn. 

Unsere Wut führt in diesen Momenten häufig zum Versuch, die Barriere auf gewaltsame Art und Weise zu beseitigen (lautes Hupen, auf Standstreifen andere Autofahrer überholen und eine hohe Verkehrsstrafe riskieren). Dabei kann Stress unsere Wut noch verstärken (wir haben bereits eine Überstunde bei der Arbeit gemacht und riskieren, von vornherein zu spät zur Geburtstagsparty zu kommen. Dadurch werden wir noch leichter wütend). Auch körperlicher Stress spielt dabei eine Rolle, also wenn du z.B. zu wenig gegessen, getrunken oder geschlafen hast. Wenn du dich also über deine wütende Reaktion wunderst, überprüfe zunächst einmal dein aktuelles Stresslevel. 

Wer in diesen Situationen genau hinschaut, wird außerdem bemerken: Wut kommt meist nicht allein, sondern wird häufig von vielen weiteren Gefühlen begleitet. In unserem Beispiel sind vielleicht noch Schuld und Scham aktiviert (unsere Beispielperson ist zu spät von der Arbeit losgefahren). Spürst du häufig Wut und ist dieses Gefühl bei dir sehr präsent, ist es gut möglich, dass die Wut auch bei dir weitere Gefühle überlagert, die du dir nicht eingestehen möchtest (z.B. Schuld und Scham). Vielleicht bist du gar nicht wütend, sondern eher leicht genervt und stark beschämt. Es lohnt sich also, genau hinzuschauen. 

Was macht uns wütend?

Was uns wütend macht, ist dabei höchst individuell. Es können die unterschiedlichsten Szenarien sein. Häufige Gründe sind zum Beispiel: Wenn du dich ungerecht behandelt oder unterdrückt fühlst, wenn du spürst, dass zu hohe Erwartungen an dich gestellt werden, die du möglicherweise nicht erfüllen kannst oder magst und die ein Gefühl der Fremdbestimmung in dir auslösen. Wut kann entstehen, wenn du dich in deiner Freiheit eingeschränkt fühlst, du dich von einer geliebten Person provoziert fühlst oder wenn du mitbekommst, wie andere oder die Umwelt misshandelt bzw. respektlos behandelt werden. 

Die Wut kann sich dann ganz schnell auf unterschiedlichsten Ebenen breit machen. Auf der Körperebene spürst du womöglich eine aufkommende Hitze und deine Arme fühlen sich angespannt an. Dein System fährt hoch und kommt in den Alarmmodus, welcher dich handlungsbereit macht. Auf der Gefühlsebene fühlst du dich auf eine Art und Weise bedroht, beispielsweise in der Befriedigung eines Bedürfnisses, deinen Werten oder deiner Sicherheit. Auch auf der kognitiven Ebene entstehen aggressive und feindliche Gedanken und Bilder (z.B. “Alle sind gegen mich!”). Du beginnst vielleicht feindliche Selbstgespräche, welche auf der Handlungsebene im Ausruf von Schimpfwörtern und sogar in physischer Gewalt enden können. In diesen Momenten ist die Wut so hochgekocht und überwältigend, dass sie nur äußerst schwer in den Griff zu bekommen ist. Es scheint dann, als würde die Wut uns und damit auch unseren Verstand überrollen, als könne die Wut unseren Verstand für eine kurze Zeit ausschalten. 

Erst im Nachhinein, mit etwas Abstand, merken wir, dass wir übertrieben haben und fühlen uns folglich schuldig und sind peinlich berührt. Am liebsten würden wir unseren Wutausbruch rückgängig machen.

Das bringt uns zur Frage: Ist Wut etwas Schlechtes? Was bringt uns dieses Gefühl?

Wofür ist Wut gut?

Wie in der Definition bereits deutlich wird, kann Wut außerordentliche Kräfte mobilisieren. Wut ist das Gefühl, das uns zeigt, dass eine Grenze überschritten wurde und dagegen etwas getan werden muss. Es hilft uns somit, Veränderung zu bewirken, um einen Zustand zu verändern oder um unsere Grenzen deutlich zu machen. 

Wenn du deine Wut nicht richtig wahrnimmst, womöglich unterdrückst, kann dies in einigen Fällen in Depressionen enden. Ignorieren wir unsere Wut, so ignorieren wir unsere Bedürfnisse sowie unsere Grenzen und übergehen uns damit selbst. Man denke an Greta Thunberg: Ohne ihre Wut wäre das Klimabewusstsein vieler Menschen sicherlich nur halb so ausgeprägt. Sie nutzt ihre Wut auf eine konstruktive Art und Weise und bewegt damit Millionen von Menschen.

Wut hilft uns also, unsere Bedürfnisse sowie unsere Grenzen wahrzunehmen, zu spüren, was uns wichtig ist und was uns am Herzen liegt, Veränderung zu bewirken und Dinge voranzutreiben. Also merke: Wut ist das Gegenteil von Gleichgültigkeit.  

Doch woher kommt unsere Wut überhaupt?

Mit dem Basisgefühl Wut ist jeder Mensch ausgestattet - inwiefern ein Mensch die eigene Wut spürt und ausagiert, hängt von Faktoren wie Genetik, Erziehung und Umwelteinflüssen ab. Wer in einer Familie aufgewachsen ist, in welcher Wut offen ausgelebt wurde, wird nicht davor zurückschrecken, in laute Diskussionen zu verfallen und den eigenen Unmut mit anderen zu teilen. Was für die einen zur Tagesordnung gehört, kann sich für andere bereits grenzüberschreitend anfühlen.

Daher ist es sinnvoll, sich auch in Beziehungen zu Partner:innen und Freund:innen über den eigenen Umgang mit Wut ausführlich zu unterhalten. Wie wurde Wut in der Familie geäußert? Ganz offen und andauernd? Oder war Wut ein eher „unwillkommenes Gefühl“, das es zu unterdrücken galt? Wer gelernt hat, dass Wut etwas Schlechtes ist und sie folglich in der Primärfamilie nicht „zeigen“ durfte, musste lernen, die eigene Wut in sich hineinzufressen. 

Da wir gelernt haben, dass Wut einem wichtige Grenzen aufzeigt, ist es für das Selbstwertgefühl fatal, ständig die eigene Wut hinunterzuschlucken. Häufig legen Menschen, die nach diesem Prinzip erzogen wurden, mehr Wert auf die Bindung zu ihren Mitmenschen als auf die Wahrung eigener Grenzen. Da Wut jedoch eine “trennende Emotion” ist, spüren sie Wut nicht so stark und haben vielleicht sogar Angst davor, sie zu äußern und eventuell in der Konsequenz darüber jemanden zu verlieren. Sie sind mit ihren Antennen mehr im Außen als bei sich, was jedoch dazu führen kann, dass sie sich selbst nicht mehr so richtig spüren. Auf Dauer ist dies nicht gesund. Wenn du beispielweise 10 Mal deine Bedürfnisse ignoriert hast, die Wut entweder nicht wahrgenommen oder nicht geäußert hast, kann deine aufgestaute Wut dich und dein Gegenüber beim 11. Mal ganz plötzlich überraschen (wie beim Tropfen auf den heißen Stein) und du wirst so richtig wütend (wütender als es in der Situation womöglich angebracht wäre - dein Gegenüber kann schließlich nichts dafür, dass du die 10 Male zuvor nichts gesagt hast). Irgendwann ist es einfach zu viel. Diese Wutanfälle bemerkt man folglich häufig bei eher „überangepassten“ Menschen. Wenn es um Wut geht, geht es also indirekt auch häufig um Themen wie Bindung versus Autonomie/ Selbstachtung/ Freiheit.

Der beste Weg für einen gesunden Umgang mit Wut ist also der goldene Mittelweg: Der, bei dem wir auf uns und unsere Grenzen achten, uns für unsere Wut sensibilisieren und früh spüren, wenn wir wütend werden, also bevor das Fass beginnt, überzulaufen. Wie du diesen Mittelweg finden kannst, erklären wir dir in unserem nächsten Artikel. 

Nicht die Wut selbst ist das Problem, sondern das skrupellose, aggressive und gewaltsame Ausleben dieses so starken Gefühls. Wut ist gut.

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Fiona Bustorff
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