Stigmatisierung

29.09.2021

Vorurteile und Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen überwinden

Am 18. Juni ist der Internationale Tag der Panik. Wer sich das Wann und Warum genau überlegt hat, ist nicht ganz klar und auch nicht wirklich wichtig. Wichtig ist, dass wir diesen Tag nutzen, um einmal mehr über Panik, Angststörungen, psychischen Erkrankungen  und die damit zusammenhängende Stigmatisierung aufzuklären. Dieser Aktionstag eignet sich, um auf die Auswirkungen von Stress, Ängste, Sorgen, Panik und anderen psychischen Erkrankungen aufmerksam zu machen und diese zu normalisieren. Denn eins ist sicher: psychische Störungen sind weit verbreitet und können uns alle treffen. Jährlich sind etwa 30% der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen, das entspricht etwa jeder dritten Person! Am häufigsten sind dabei Angststörungen und Depressionen vertreten. Die Panikstörung betrifft 2 bis 3% der Bevölkerung in einem Zeitraum von 12 Monaten. Einzelne Panikattacken kommen viel häufiger vor, in einem Zeitraum von 12 Monaten leidet etwa jeder 10. Mensch daran. Höchste Zeit also, dass die Gesellschaft toleranter wird und Betroffene psychischer Erkrankungen nicht mehr stigmatisiert und diskriminiert werden.

Stigmatisierung – was ist das? 

Es ist leider gar nicht so selten, dass Menschen mit psychischer Störung ausgegrenzt oder als “verrückt” oder “psycho” abgestempelt werden, andere sich von ihnen distanzierten oder sie unfair behandeln. Auch nehmen sie nicht immer gleichberechtigt am Leben teil und werden teilweise aus dem beruflichen und privaten Alltag ausgegrenzt. An einer psychischen Erkrankung zu leiden, ist nicht unwahrscheinlicher als an einer körperlichen. Trotzdem stößt beides in der Gesellschaft oft auf eine sehr unterschiedliche Reaktion. Durch Vorurteile gegenüber (Menschen mit) psychischen Erkrankungen oder gegenüber der Therapie von psychischen Erkrankungen fällt es Betroffenen häufig schwer, offen mit ihrer Krankheit umzugehen und rechtzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen. 

Meist aus einer Unwissenheit heraus, löst die Auseinandersetzung mit psychischen Erkrankungen bei vielen Menschen Beklemmungen und Vorurteile aus. Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind, werden beispielsweise häufig pauschal als unberechenbar und beängstigend eingeschätzt. Menschen mit Depressionen wird oft vorgeworfen, sie seien bloß faul. Und ADHS wird nachgesagt, es sei nur eine Modediagnose und die Störung gebe es in echt gar nicht. Vorurteile gibt es gegenüber Menschen mit fast jeder psychischen Störung, das hier sind nur einige Beispiele. Häufig wird bereits in der Familie eine anfängliche Erkrankung verdrängt oder beschönigt. Vielleicht kennst du Aussagen wie „Das ist doch nicht so schlimm, das wird schon wieder!“ oder „Stell’ dich nicht so an!“. Dies entsteht meist aus einer Unsicherheit heraus, kann aber der Anfang von Scham und Schuldgefühlen sein und die Geheimhaltung von psychischen Störungen fördern.

Betroffene müssen zudem häufig erfahren, dass sie nicht ernst genommen werden, Menschen sich aufgrund der Erkrankung von ihnen abwenden oder sie aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt und ihnen Lebenschancen genommen werden. Die Stigmatisierung bedeutet daher eine noch zusätzliche Belastung zu den ohnehin schon vorhandenen Belastungen durch die Störung. Durch Stigmatisierung und deren Folgen kann nicht nur die Heilung generell, sondern auch eine frühzeitige Behandlung behindert werden. Denn aufgrund von Scham oder Angst vor Ausgrenzung suchen viele Betroffene gar nicht oder erst spät professionelle Hilfe. So kann beispielsweise das Risiko einer Chronifizierung steigen. Damit das endlich aufhört, dürfen psychische Erkrankungen kein Tabuthema mehr sein!

Was kann ich dagegen unternehmen?

Offen darüber sprechen 

Um gegen die Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Störungen und Vorurteile gegen deren Behandlung vorzugehen, ist natürlich nicht der oder die Betroffene verantwortlich. Psychische Störungen sind weit verbreitet und können jede:n treffen. Daher kann und sollte jede:r einzelne etwas für einen toleranten und offenen Umgang mit ihnen tun. Politiker:innen, Journalist:innen, Lehrer:innen, Eltern, Freund:innen, Arbeitgeber:innen und Ärzt:innen sollten alle zusammen daran arbeiten, offen mit dem Thema umzugehen, differenziert darüber zu berichten, auf andere zu achten, Hilfe anzubieten, sich selber zu informieren und vor allem: richtig aufzuklären.

Aufklärung

Der wahrscheinlich entscheidendste Punkt, um Vorurteilen vorzubeugen, ist die Aufklärung. Aufklärung darüber, was psychische Störungen sind, in welcher Form sie auftreten können, wie sie die Betroffenen beeinflussen und wie eine Therapie aussehen kann. Aufklärung bedeutet aber auch, sich mit den Betroffenen auseinander zu setzen, sie verstehen zu wollen und ihnen Raum für Individualität zu geben. Es gibt sehr viele gute Kampagnen, die sich gegen die Diskriminierung und Stigmatisierung von psychisch Erkrankten einsetzen. Auf den entsprechenden Webseiten gibt es wertvolles Informationsmaterial zu finden. Wenn du an einer psychischen Störung erkrankt bist und deinem Umfeld erklären möchtest, was das bedeutet, findest du auf diesen Seiten verständliche Informationen. Auch Vorträge, Veranstaltungen oder Seminare für Betroffene und Angehörige werden  angeboten und können nicht nur sehr hilfreich und informativ sein, sondern auch Vorurteilen vorbeugen. Alles Weitere dazu findest du unten im Infokasten.

Für Angehörige eignen sich auch sogenannte Angehörigengruppen oder Selbsthilfegruppen, in denen Angehörige dabei sein können. Diese gibt es sowohl störungsübergreifend, also unabhängig von der psychischen Störung der oder des Betroffenen, als auch störungsspezifisch, also beispielsweise nur für Menschen mit Angststörungen und deren Angehörige. Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen hat einen Selbsthilfegruppen-Finder veröffentlicht, in welchem nach geeigneten Gruppen gesucht werden kann.

Informationen zu psychischen Störungen für dich, Interessierte und Angehörige:

 
  1. Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit ist eine bundesweite Anti-Stigma-Initiative in Trägerschaft der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde.
  2. Dein Kopf voller Fragen bietet Informationen über psychische Störungen, Beratungsangebote und Erfahrungsberichte von Betroffenen.
  3. Auf der Webseite Neurologen und Psychiater im Netz findest du verständliche und umfassende Informationen für dich und Angehörige zu psychischen Störungen (z.B. Angsterkrankungen) und deren Therapiemöglichkeiten. Diese Seite bietet auch weitere Informationen wie eine Kliniksuche oder Selbsthilfegruppen Suche.
  4. Das Projekt psychenet ist ein Netzwerk aus medizinischen Einrichtungen, Beratungsstellen und Betroffenen- und Angehörigenverbänden in der Region Hamburg. Es informiert über psychische Störungen und Hilfsangebote, bietet Selbsttests und Erfahrungsberichte von Betroffenen.
  5. Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen bietet unterschiedliche Beratungs- und Informationsangebote und Selbsthilfegruppen für Angehörige und Betroffene psychischer Störungen.
  6. Gesprächsleitfaden: Eine Anleitung für Gespräche über die psychische Gesundheit der Initiative Neue Qualität der Arbeit.

Veranstaltungen und Seminare zur Entstigmatisierung

  1. “In Würde zu sich stehen” ist ein peer-geleitetes Programm zur Stigmabewältigung für Menschen mit psychischen Erkrankungen.
  2. Woche der seelischen Gesundheit: Das Aktionsbündnis seelische Gesundheit bietet eine Aktionswoche zum Thema seelische Gesundheit, mit Vorträgen, Workshops, Ausstellungen uns Diskussionen.

Wie du siehst, gibt es bereits einige Kampagnen, die sich für die Entstigmatisierung psychisch erkrankter Personen einsetzen. Trotzdem ist die Psyche häufig noch ein Tabuthema in der Gesellschaft. Letztlich kann jede:r einzelne etwas dafür tun, mit dem Thema offener umzugehen und Vorurteile abzubauen. Wir alle sollten uns gegen die Diskriminierung einsetzen und Betroffene unterstützen. Dazu gehört nicht nur sich selber zu informieren, sondern auch mit Betroffenen in den Kontakt zu kommen, für sie da zu sein und sie nicht pauschal abzustempeln. 

Vielleicht kannst du diesen 18. Juni nutzen, um dich mit (deinen) Ängsten und Panik auseinanderzusetzen, darüber zu sprechen und darauf aufmerksam zu machen. Wir alle haben Ängste und Sorgen und sehr viele von uns haben schon einmal eine Panikattacke erlebt. Häufig wird sowas durch Stress verstärkt. Dieser Aktionstag eignet sich auch, um Stress entgegenzuwirken und sich mal bewusst etwas Gutes zu tun. Nimm dir frei, mach’ etwas Entspanntes, nutze das 9-Euro-Ticket für einen kleinen Ausflug oder lies einfach nur ein Buch. Das wirkt Panik, Ängsten und Sorgen entgegen.

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