Stigmatisierung

29.09.2021

Vorurteile und Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen überwinden

Vielleicht hast du schon einmal erlebt, dass du aufgrund einer psychischen Störung ausgegrenzt oder als “verrückt” abgestempelt wurdest, andere sich von dir distanzierten oder dich unfair behandelten? Menschen mit psychischen Störungen sind noch immer mit gesellschaftlicher Stigmatisierung konfrontiert und nehmen nicht immer gleichberechtigt am Leben teil. Durch Vorurteile gegenüber (Menschen mit) psychischen Erkrankungen oder gegenüber Psychotherapie fällt es Betroffenen häufig schwer, offen mit ihrer Krankheit umzugehen und rechtzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen. Doch psychische Störungen sind weit verbreitet: Etwa jede dritte Person erkrankt mindestens einmal im Leben an einer psychischen Störung. Darum ist es so wichtig, dass die Gesellschaft toleranter wird und Betroffene nicht mehr diskriminiert werden. Was Stigmatisierung bedeutet und was du dafür tun kannst, dass dein Umfeld dich besser versteht und du offener mit diesem Thema umgehen kannst, lernst du hier.

Stigmatisierung – was ist das? 

Die Auseinandersetzung mit psychischen Störungen löst bei vielen Menschen Beklemmungen und generalisierende Urteile aus. Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind, werden beispielsweise häufig pauschal als unberechenbar und beängstigend eingeschätzt. Menschen mit Depressionen wird oft vorgeworfen, sie seien bloß faul. Und ADHS wird nachgesagt, es sei nur eine Modediagnose und die Störung gebe es in echt gar nicht. Vorurteile gibt es gegenüber Menschen mit fast jeder psychischen Störung, das hier sind nur einige Beispiele. Häufig wird bereits in der Familie eine anfängliche Erkrankung verdrängt oder beschönigt. Vielleicht kennst du Aussagen wie „Das ist doch nicht so schlimm, das wird schon wieder!“ oder „Stell’ dich nicht so an!“. Dies entsteht meist aus einer Unsicherheit heraus, kann aber der Anfang von Scham und Schuldgefühlen sein und die Geheimhaltung von psychischen Störungen fördern.

Betroffene müssen häufig erfahren, dass sie nicht ernst genommen werden, Menschen sich aufgrund der Erkrankung von ihnen abwenden oder sie aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt und ihnen Lebenschancen genommen werden. Die Stigmatisierung bedeutet daher eine noch zusätzliche Belastung zu den ohnehin schon vorhandenen Belastungen durch die Störung. Durch Stigmatisierung und deren Folgen kann nicht nur die Heilung generell, sondern auch eine frühzeitige Behandlung behindert werden. Denn aufgrund von Scham oder Angst vor Ausgrenzung suchen viele Betroffene gar nicht oder erst spät professionelle Hilfe. So kann beispielsweise das Risiko einer Chronifizierung steigen. Damit das endlich aufhört, dürfen psychische Erkrankungen kein Tabuthema mehr sein! 

Was kann ich dagegen unternehmen?

Offen darüber sprechen 

Um gegen die Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Störungen und Vorurteile gegen deren Behandlung vorzugehen, ist natürlich nicht der oder die Betroffene allein zuständig. Psychische Störungen sind weit verbreitet und können jede:n treffen. Daher kann und sollte jede:r einzelne etwas für einen toleranten und offenen Umgang mit ihnen tun. Politiker:innen, Journalist:innen, Lehrer:innen, Eltern, Freund:innen, Arbeitgeber:innen und Ärzt:innen sollten alle zusammen daran arbeiten, offen mit dem Thema umzugehen, differenziert darüber zu berichten, auf andere zu achten, Hilfe anzubieten, richtig aufzuklären und sich selber zu informieren. 

Aufklärung

Der wahrscheinlich entscheidendste Punkt, um Vorurteilen vorzubeugen ist die Aufklärung. Aufklärung darüber, was psychische Störungen sind, in welcher Form sie auftreten können, wie sie die Betroffenen beeinflussen und wie eine Therapie aussehen kann. Aufklärung bedeutet aber auch sich mit den Betroffenen auseinander zu setzen, sie verstehen zu wollen und ihnen Raum für Individualität zu geben. Es gibt sehr viele gute Kampagnen, die sich gegen die Diskriminierung und Stigmatisierung von psyschich Erkrankten einsetzen. Auf den entsprechenden Webseiten gibt es wertvolles Informationsmaterial für Betroffene und Angehörige zu finden. Wenn du an einer psychischen Störung erkrankt bist und deinem Umfeld erklären möchtest, was das bedeutet, findest du auf diesen Seiten verständliche Informationen. Auch Vorträge, Veranstaltungen oder Seminare für Betroffene und Angehörige werden teilweise angeboten und können nicht nur sehr hilfreich und informativ sein sondern auch Vorurteilen vorbeugen. Alles Weitere dazu findest du unten im Infokasten.

Für Angehörige eignen sich auch sogenannte Angehörigengruppen oder Selbsthilfegruppen, in denen Angehörige dabei sein können. Diese gibt es sowohl störungsübergreifend, also unabhängig davon, welche psychische Störung du oder ein:e Angehörige:r hat, als auch störungsspezifisch, also beispielsweise nur für Menschen mit Angststörungen und deren Angehörige. Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen hat einen Selbsthilfegruppen-Finder veröffentlicht. Dort kannst du nach geeigneten Gruppen suchen.

Informationen zu psychischen Störungen für dich und deine Angehörigen:

 
  1. Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit ist eine bundesweite Anti-Stigma-Initiative in Trägerschaft der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde.
  2. Dein Kopf voller Fragen bietet Informationen über psychische Störungen, Beratungsangebote und Erfahrungsberichte von Betroffenen.
  3. Auf der Webseite Neurologen und Psychiater im Netz findest du verständliche und umfassende Informationen für dich und Angehörige zu psychischen Störungen (z.B. Angsterkrankungen) und deren Therapiemöglichkeiten. Diese Seite bietet auch weitere Informationen wie eine Kliniksuche oder Selbsthilfegruppen Suche.
  4. Das Projekt psychenet ist ein Netzwerk aus medizinischen Einrichtungen, Beratungsstellen und Betroffenen- und Angehörigenverbänden in der Region Hamburg. Es informiert über psychische Störungen und Hilfsangebote, bietet Selbsttests und Erfahrungsberichte von Betroffenen.
  5. Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen bietet unterschiedliche Beratungs- und Informationsangebote und Selbsthilfegruppen für Angehörige und Betroffene psychischer Störungen.
  6. Gesprächsleitfaden: Eine Anleitung für Gespräche über die psychische Gesundheit der Initiative Neue Qualität der Arbeit.

Veranstaltungen und Seminare zur Entstigmatisierung

  1. “In Würde zu sich stehen” ist ein peer-geleitetes Programm zur Stigmabewältigung für Menschen mit psychischen Erkrankungen.
  2. Woche der seelischen Gesundheit: Das Aktionsbündnis seelische Gesundheit bietet eine Aktionswoche zum Thema seelische Gesundheit, mit Vorträgen, Workshops, Ausstellungen uns Diskussionen.

Wie du siehst gibt es bereits einige Kampagnen, die sich für die Entstigmatisierung psychisch erkrankter Personen einsetzen. Trotzdem ist die Psyche häufig noch ein Tabuthema in der Gesellschaft. Letztlich kann jede:r etwas dafür tun, mit dem Thema offener umzugehen und Vorurteile abzubauen. Wir alle sollten uns gegen die Diskriminierung einsetzen und Betroffene unterstützen. Dazu gehört nicht nur, sich selber zu informieren sondern auch mit Betroffenen in den Kontakt zu kommen, für sie da zu sein und sie nicht pauschal abzustempeln. 

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