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Februar 2, 2022

Diagnose psychischer Erkrankungen: Ist das "normal" oder bin ich "krank"?

Lesedauer 3 Minuten

Was ist eigentlich “psychische Gesundheit”?

Laut der WHO ist die psychische Gesundheit “ein Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft (also dem Leben mit Familie, Freund:innen, Bekannten usw.) leisten kann”. Psychische Gesundheit ist also nicht einfach bloß die Abwesenheit von Krankheiten oder Belastungen, sondern eher ein inneres Gleichgewicht, das von vielen Faktoren abhängt. Kommt dieses Gleichgewicht aus der Balance, kann es zu einer psychischen Störung kommen. Dieser Begriff kann sich erst einmal komisch anhören, aber du kannst es dir so vorstellen, dass etwas dein psychisches Gleichgewicht gestört hat. Es gibt also eigentlich nicht entweder “krank” oder “gesund”, sondern eher ein Spektrum, auf dem wir uns alle irgendwo dazwischen befinden, mit Aufs und Abs. 

Was ist noch “normal” und was nicht?

Kurz vorab: “Normal” sein gibt es eigentlich gar nicht. Jedenfalls gibt es nicht nur ein einziges normal, da es sich dabei um subjektive Bewertungen handelt, die für jede:n etwas anderes bedeuten.

Diese Aufs und Abs, also Schwankungen der psychischen Gesundheit, kennen wir alle. Wir werden nicht nur körperlich krank, wie z.B. bei einer Grippe oder einem Beinbruch, sondern erleben auch psychische Belastungen, z.B. nach dem Tod eines geliebten Menschen oder bei extrem viel Stress. Die Symptome können dann ganz unterschiedlich ausfallen, unterschiedlich lange anhalten oder mehr oder weniger intensiv und einschränkend sein. Haben wir deshalb gleich eine psychische Störung? Nein, nicht unbedingt. Schwankungen sind durchaus normal und Beschwerden klingen häufig nach einiger Zeit von allein ab. Wenn sie aber lange andauern, sehr belastend sind oder viele Symptome auf einmal auftreten, solltest du dir professionelle Hilfe holen. Denn je frühzeitiger psychische Störungen erkannt werden, desto schneller können sie behandelt werden. Auch wenn du dir unsicher bist oder darüber nachdenkst, ob du überhaupt “krank genug” bist, sprich unbedingt mit jemandem darüber.

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Was hat es mit den Diagnosen auf sich?

Eine psychische Störung ist aber nicht so einfach zu erkennen, wie beispielsweise ein Knochenbruch. Eine klinische Diagnose wird nur von erfahrenen Fachärzt:innen oder Psychotherapeut:innen gestellt. Dafür können neben Gesprächen auch psychologische Tests und Fragebögen oder Interviews genutzt werden. Auch auf körperliche Erkrankungen wird bei der Diagnostik geachtet, denn diese können psychische Beschwerden auslösen oder mit verursachen (wie z.B. depressive Verstimmung durch eine Schilddrüsenerkrankung). In Deutschland werden Diagnosen in der klinischen Psychologie und Psychiatrie anhand eines Klassifikationssystems gestellt, dem ICD (International Classification of Diseases, aktuelle Auflage ICD-10). Es wird von der WHO herausgegeben und klassifiziert über 500 psychische Störungen, anhand verschiedenen Merkmalen. 

Wie der genaue Vorgang bei der psychischen Diagnosestellung ist, darauf gehen wir nächste Woche genauer ein. 

Wofür gibt es überhaupt Diagnosen?

Viele Menschen haben Angst vor einer psychischen Diagnose, weil sie augenscheinlich lebenslang gilt und Menschen mit psychischen Störung noch immer gesellschaftliche Stigmatisierung erfahren. Und natürlich möchte niemand gern “abgestempelt”, ausgegrenzt oder gemieden werden. Gleichzeitig ist es für viele auch beruhigend, eine Diagnose zu erhalten und endlich zu wissen, was los ist und wie es weitergehen kann.
Eine Diagnose ist dazu da, herauszufinden, welche Behandlungsform wahrscheinlich am besten geeignet ist. Die richtige Diagnose zu ermitteln, ist also eine essenzielle Voraussetzung für eine richtige Therapie. Letztlich “brauchen” wir auch eine Diagnose, damit die Behandlung von der Krankenkasse übernommen werden kann. Diagnosen sagen allerdings nichts über Ursachen der Störung oder individuelle Unterschiede aus. Diese Punkte werdenmit den Fachärzt:innen und/oder Therapeut:innen abgesprochen und die Behandlung individuell darauf abgestimmt.

Auch an den Klassifikationssystemen, anhand derer psychische Störungen diagnostiziert werden, wird häufig Kritik geübt. Denn wie schon beschrieben kann psychische Gesundheit eher als ein Spektrum oder ein Kontinuum verstanden werden. In der Psychotherapie ist daher häufig auch der individuelle Leidensdruck ausschlaggebend für eine Behandlung, also wie sehr du dich belastet fühlst. Für eine Diagnose müssen aber trotzdem immer bestimmte Kriterien (in Anzahl, Dauer, Intensität usw.) erfüllt sein. Es gibt also eine ständige Debatte darüber, welche Kriterien in den Klassifikationssystemen festgelegt werden, die eine nicht mehr “normale” Reaktion auf belastende Ereignisse beschreiben. Außerdem kommen viele Symptome bei mehreren psychischen Störungen vor. Das macht es schwierig, diese klar voneinander abzugrenzen, und kann gleichzeitig dazu führen, dass eine Person mehrere Diagnosen bekommt – was natürlich erst einmal sehr beunruhigend sein kann. 

Es ist daher nicht so einfach zu beantworten, ob manche Symptome noch “normal” sind oder womöglich auf eine psychische Störung hindeuten. Denn das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wenn du einen Leidensdruck hast, also dich durch bestimmte Symptome belastet und eingeschränkt fühlst, solltest du das abklären lassen. Dabei ist es nicht wichtig, ob und welche Diagnose einer psychischen Störung du bekommen könntest, sondern wie es dir wieder besser gehen kann und dass dir geholfen wird. Wir sollten alle mit dieser starken Fokussierung auf krank oder nicht krank aufhören, denn psychische Gesundheit ist viel mehr als das. 

Da eine Diagnose für die Therapie aber unerlässlich ist, und viele Menschen sich vielleicht fragen, wie genau es dazu kommt, gehen wir in diesem Artikel näher darauf ein. 

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Friederike Schubbert

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