26.07.2022

Wie sich das Klima auf unsere Psyche auswirkt

Immer häufiger kommt es zu extremen Witterungsbedingungen. Aktuell wird Europa ein weiteres Mal von einer Hitzewelle überrollt, in der die Temperaturen die 30° C deutlich übersteigen. Und viele Wissenschaftler:innen prophezeien, dass solche Hitzewellen in den kommenden Jahren immer regelmäßiger auftreten werden. Viele Menschen leiden unter der Wärme: Herz-Kreislaufprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten oder Müdigkeit können die Folge sein. Hitze bedeutet Stress. Doch diese verursacht nicht nur körperliche Probleme, extreme Wetterereignisse wirken sich auch auf unsere Psyche aus. Was das Klima mit unserer mentalen Gesundheit zu tun hat und was wir tun können, um die Folgen von Hitze zu minimieren, erfährst du hier.

Psychische Folgen von extremen Wetterereignissen

Schon immer hat es extreme Wetterlagen gegeben, aber benennen wir das Kind beim Namen: Der Klimawandel sorgt für immer häufigere und schwerwiegendere Wetterereignisse: höhere Temperaturen sorgen für Waldbrände, Stürme, Überschwemmungen oder Hitzewellen. Veränderungen sind in allen Regionen der Welt spürbar. Lange Zeit hat es hauptsächlich einen Blick für die körperlichen Auswirkungen der Klimaerwärmung (vor allem bei Hitzewellen) gegeben. Wir wissen, dass die Hitze sich auf das Herz-Kreislaufsystem auswirken kann, dass Schwindel, Müdigkeit, Kopfschmerzen und auch Konzentrationsschwäche durch extrem heißes Wetter entstehen kann. Doch in den letzten Jahren beschäftigte sich die wissenschaftliche Forschung immer mehr auch mit den Auswirkungen von Extremwetter auf die Psyche. 

Eine groß angelegte Übersichtsstudie hat 53 wissenschaftliche Studien ausgewertet, die zwischen 1990 und 2020 die Auswirkungen von steigenden Temperaturen und Hitzewellen auf die psychische Gesundheit untersuchten. Insgesamt konnte so belegt werden, dass sowohl steigende Durchschnittstemperaturen als auch Hitzewellen negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben. Sie fanden heraus, dass nicht nur die Häufigkeit der psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Schizophrenien und Hirnorganische Störungen steigt, sondern auch die psychisch bedingte Sterblichkeit (z.B. durch Suizide oder Drogenkonsum).

Aber auch viele weitere Studien belegen, dass extreme Wetterlagen und vor allem Hitzewellen die Psyche negativ beeinflussen. Starke Wärme bedeutet für Körper und Psyche Stress, auf den wir uns einstellen und an den wir uns anpassen müssen. Häufig verändert sich zuerst die Stimmung negativ und die Emotionsregulation fällt schwerer. Auch die Schmerzschwelle ist bei Hitze herabgesetzt. Das bedeutet, starke Wärme begünstigt schlechte Laune, uns fällt es schwerer mit unseren Gefühlen umzugehen und Schmerzen empfinden wir stärker. Vielleicht kennst du das ja von dir selbst. Am stärksten betroffen sind vulnerable Menschen, wie Ältere, Kinder oder Personen mit körperlichen oder psychischen Vorerkrankungen. Doch extremes Wetter bedeutet für die meisten Menschen negative Folgen. 

Wie hat das Klima Auswirkungen auf uns?

Das Klima und damit zusammenhängende Extremereignisse können die psychische Gesundheit auf unterschiedlichen Wegen beeinflussen. Direkte Auswirkungen können Naturkatastrophen wie Brände, Stürme oder Überschwemmungen haben. Wird das eigene Hab und Gut verloren oder ist das eigene Leben oder das der Angehörigen bedroht, können Traumata und Traumafolgestörungen entstehen. 

Auch Hitzewellen können direkte Auswirkungen auf die Psyche haben. Hohe Temperaturen wirken sich auf das Neurotransmittergleichgewicht von Serotonin und Dopamin im Gehirn aus, die für die Stimmung und kognitive Funktionen von Bedeutung sind. Vor allem bei länger anhaltenden hohen Temperaturen reduziert sich die Emotionsregulation und kognitive Funktionen. Reizbarkeit, Aggressionen, Gewalt, Substanzkonsum und Suizide sind wahrscheinlicher. Hitze begünstigt zudem Entzündungen im Nervengewebe, was Depressionen, Angststörungen, Psychosen und auch kognitive Beeinträchtigungen begünstigen kann. 

Ein weiterer Punkt, über den Hitze zu psychischen Belastungen führen kann, ist verminderter Schlaf. Gerade, wenn es nachts nicht abkühlt, können Schlafstörungen die Folge sein. Schlafmangel begünstigt Reizbarkeit, Frustration und unangenehme Emotionen und kann mit fast allen psychischen Störungen in Verbindung gebracht werden, wie Depressionen, affektive Störungen, Angststörungen, Suchtkrankheiten, Schizophrenie oder Demenz. 

Aber auch langfristig kann der Klimawandel zu psychischen Belastungen führen. Zum einen kann es zu gesteigerter Angst vor dem Klimawandel und dessen Auswirkungen und zu Weltschmerz führen, was sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirkt. Zudem können die Folgen von steigendes Meeresspiegeln, anhaltenden Dürren, Entwaldung und dadurch mögliche ausgelöste Massenmigration zu Stress und gesellschaftlichen Konflikten führen. 

Was können wir für unsere psychische Gesundheit tun?

Wir können Hitzewellen nicht vollends aufhalten und ihnen nicht immer entgehen, daher ist es notwendig, einen Umgang mit ihnen zu finden. Die Basics: was zwar jede:r weiß, aber was enorm wichtig ist, ist Dehydrierung entgegenzuwirken. Du solltest also bei Hitze immer darauf achten, genügend Wasser zu trinken. Ist es sehr heiß, bedeutet das auch deutlich erhöhten Wasserbedarf als sonst! Setze dich außerdem nicht der direkten Sonne aus und versuche den Körper möglichst kühl zu halten, beispielsweise über feuchte Handtücher oder Sprühflaschen mit Wasser. Auch Sport muss bei Hitze nicht sein, der Körper ist dann weniger leistungsfähig und überhitzt schneller. 

Hitze beeinflusst die Stimmung. Mit diesem Wissen, versuche negative Veränderungen in deiner Stimmung wahrzunehmen und aktiv dagegen anzusteuern. Sei gut zu dir, mache Aktivitäten, die Spaß machen und von denen du weißt, dass sie dir guttun. Baue regelmäßige Pausen ein und versuche, dich nicht noch zusätzlichem Stress (z.B. durch Arbeit) auszusetzen. Um mit dem Hitzestress für Körper und Psyche besser umzugehen, helfen zudem Entspannungstechniken

Das wichtigste ist aber: Keine Panik! Ja, das Klima verändert sich und das kann auch negative Auswirkungen auf die Psyche haben. Auch schlechte Nachrichten oder Krisen kann es in Zukunft geben. Das bedeutet aber nicht, dass wir dem hilflos ausgeliefert sind, ganz im Gegenteil. Trotzdem können dir folgende Tipps vielleicht helfen, um Zukunftsängsten oder Weltschmerz vorzubeugen, oder besser damit umzugehen:

  1. Viele Nachrichten, die uns erreichen sind negativ. Um nicht zu vergessen, dass noch viel mehr Schönes um dich herum passiert, führe ein Dankbarkeitstagebuch, in welchem du jeden Tag 3 schöne Dinge, die dir passiert sind, aufschreibst. 
  2. Das Mitgefühl zu stärken kann helfen, um eine wohlwollende Haltung (sich selbst und anderen) einzunehmen, z.B. mithilfe einer liebenden-Güte (Metta) Meditation. Das hilft, um Hilflosigkeit loszuwerden, neuen Mut zu schöpfen und die Welt mit anderen Augen zu sehen. 
  3. Sieh die Zukunft als etwas an, das du für dich gestalten kannst! Finde heraus, was dir wichtig ist im Leben und gestalte deine Zukunft im Einklang mit deinen Werten.
  4. Bleibe im Hier und Jetzt. Natürlich muss man manchmal planen und vorausdenken, doch versuche, dich damit nicht allzu lange aufzuhalten. Schau, was du in diesem Moment erlebst und was dir jetzt gerade gut tut, denn sonst verpasst du die Realität.

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