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Mai 23, 2022

Mit Mut gegen Angst

Lesedauer 4 Minuten

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Wer kennt es nicht, dieses alte Sprichwort? Es will uns sagen, dass wir mutig sein sollen, Neues zu entdecken und neue Wege zu gehen. Andernfalls, so die logische Schlussfolgerung, könnte es sein, dass wir auf der Stelle stehen bleiben. Dieses Sprichwort ist tatsächlich nicht nur so dahergesagt, sondern birgt (vielleicht gerade für Menschen mit psychischen Erkrankungen) eine große Wahrheit und Weisheit in sich. Was Mut ausmacht, wozu wir Mut überhaupt brauchen und ob man mutig sein lernen kann, erfährst du in diesem Beitrag. 

Was ist Mut?

Einfach gesagt ist Mut ein Verhalten, bei dem sich jemand in eine risikoreiche, mit Unsicherheiten verbundene Situation begibt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Mut ist also eine absichtliche Handlung, um ein sich lohnendes Ziel zu verfolgen, die jemand trotz erwartetem eigenem Risiko unternimmt. Der oder die Handelnde ist sich diesem Risiko bewusst. Das kann beispielsweise ein Gefühl der Gefahr oder Unsicherheit sein und Ängste hervorrufen. 

Nicht alle Menschen haben dieselben Ziele, Einstellungen, Schwierigkeiten, Unsicherheiten, Ängste oder Motivationen. Mut ist also individuell. Wir können zwar festhalten, dass die Bestandteile von Mut ein Ziel, ein Risiko und eine absichtliche Handlung sind. Doch um zu bestimmen, welcher Mensch oder welches Verhalten mutig ist, müssen wir die persönliche Geschichte und Einstellung des Menschen wissen. Was ein Risiko oder eine Hürde sein kann, um ein persönliches Ziel zu erreichen, bestimmt jede:r selbst. 

Für eine Person kann Busfahren eine große Herausforderung darstellen und Mut ist erforderlich, um sich dieser Situation trotzdem zu stellen. Für jemand anderen braucht es viel Mut, um gegenüber Vorgesetzten den eigenen Standpunkt zu vertreten. Wir müssen aus der eigenen Komfortzone heraustreten und ein Risiko eingehen, um über die selbst gesetzten Hürden hinauszugehen. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede risikoreiche Situation mutiges Verhalten erfordert. Stelle dir beispielsweise einen Raser auf der Straße vor. Dieses Verhalten ist nicht mutig, sondern übermütig, da häufig die eigenen Fähigkeiten überschätzt und/oder die Risiken unterschätzt werden. 

Warum mutig sein?

Vielen Menschen fällt es schwer, mutig zu sein. Das Warum liegt auf der Hand: Wir müssen uns dafür aus unserer sicheren Komfortzone heraus begeben und etwas Neues wagen. Wir kennen die Risiken und sind uns nicht sicher, ob unser Verhalten tatsächlich zum angestrebten Ziel führen wird. Klar, wenn wir es gar nicht erst versuchen, werden wir niemals herausfinden, ob wir unser Ziel erreicht hätten oder erreichen können. Aber ist es nicht viel einfacher so weiterzumachen und damit die Risiken, Gefahren und damit verbundene Ängste gering zu halten?  

Mutig sein und eigene Grenzen überwinden, ist immer auch mit Unsicherheiten und vielleicht sogar Ängsten verbunden. Doch: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Diesen Spruch kann man hervorragend auf den Umgang mit psychischen Erkrankungen, wie z.B. Angststörungen beziehen. Wenn wir nichts wagen, also nichts verändern, wird sich auch unsere Situation nicht verändern. Das Ausbleiben von Veränderung (wozu sehr häufig Mut erforderlich ist) führt also dazu, dass eine bestehende psychische Erkrankungen aufrechterhalten bleibt. 

Um bei dem Beispiel des Busfahrens zu bleiben: Stell dir eine Person mit Agoraphobie vor, die große Ängste hat, Bus zu fahren. Ihre Befürchtung ist, eine Panikattacke zu bekommen, komisch angeschaut zu werden, in Ohnmacht zu fallen oder keine Hilfe zu bekommen. Der einfache Weg (im Bereich der Komfortzone) ist, das Busfahren zu vermeiden und weiterhin zu Fuß zu gehen. Das Risiko einer Panikattacke o.Ä. wird minimiert. Gleichzeitig kann nicht gelernt werden, dass die Situation bewältigbar ist, die Angst bleibt bestehen und es tritt keine Veränderung ein. Möchte diese Person aber beispielsweise in eine andere Stadt reisen (Ziel), ist die Fahrt mit dem Bus (Verhalten) erforderlich. Das Risiko einer Panikattacke und die starken Ängste bestehen weiterhin. Für diese Person erfordert es sehr viel Mut, mit dem Bus zu fahren. 

Mutig zu sein, können wir lernen

Mut gehört zum Leben dazu und ist wichtig, damit wir uns weiterentwickeln und nach unseren eigenen Bedürfnissen leben können. Und auch wenn es uns manchmal schwerfällt, über den eigenen Schatten zu springen, sind wir alle schon tausende Male mutig gewesen. Das vergessen wir nur manchmal, vor allem, wenn wir uns mit anderen (augenscheinlich mutigeren) Menschen vergleichen. Um mutiger zu werden, kann es zunächst helfen, sich selber wieder den eigenen Stärken und Erfolgen bewusster zu werden. Das motiviert und zeigt uns, dass wir etwas erreichen können. Die folgenden Fragen können dir dabei helfen:

  1. In welcher Situation habe ich schon einmal mutig gehandelt?
  2. Wie genau habe ich es in dieser Situation geschafft, mutig zu handeln?
  3. Was genau war das Gute daran, dass ich geschafft habe, mutig zu handeln?
  4. Welche Erkenntnisse kann ich daraus für meine Zukunft mitnehmen?

Es reicht häufig schon aus, sich vorzunehmen, mutiger zu sein, um mutiger zu werden. Das ist genauso simpel wie es klingt. Frage dich also: Wenn ich mutiger wäre, dann würde/könnte ich… . Wenn wir uns dazu entscheiden, mutiger zu handeln, sind wir mehr mit dem Ziel der Handlung (“Was will ich erreichen?”) beschäftigt und nicht mit dem Risiko und der Angst. 

Ein weiterer wichtiger Tipp ist, kleine Schritte zu machen. Schaue dir dein Ziel an und überlege, wie du es in kleine Teilbereiche zerlegen kannst und dann arbeitest du dich Schritt für Schritt weiter voran. Mut zu erlernen bedeutet, sich einer angstbezogenen Situation zu stellen und das gelingt mit kleinen Schritten deutlich besser. So lernst du, dass deine Befürchtung nicht eintreten muss (also bspw. Ohnmacht beim Busfahren, verlassen zu werden, wenn man “Nein” sagt, usw.) und du deine Ziele selbstbestimmt erreichen kannst. Mut führt also meistens zu mehr Mut. 

Mutig sein lohnt sich

Ängste und Unsicherheiten sind ganz normal und vernünftig. Sie halten uns aber häufig nicht nur von Gefahren fern, sondern auch von Aktivitäten, die das Leben reicher, lohnender und schließlich freier machen. Mut ist die Bereitschaft, immer wieder etwas Neues zu versuchen. Mit Mut kann man aus der eigenen Komfortzone heraustreten und entdecken, dass man selber gegen die Angst/Unsicherheit aktiv werden kann. Ein mutiges Leben ist ein selbstbestimmtes Leben. Natürlich muss nicht jedes mutige Verhalten gleich zum Erfolg führen, aber wer gar nicht erst wagt, der niemals gewinnt. Es scheint ganz so, als sollten wir alle häufiger mal einen Mutausbruch haben.

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Christin Thedens
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