Urlaub mit Angststörungen

05.08.2021

Mit Angststörungen in den Urlaub – ja oder nein?

Der Sommer und somit die typische Urlaubs- und Reisezeit stehen vor der Tür. Vorfreude? Fehlanzeige. Was für viele Menschen die schönste Zeit des Jahres ist, kann für Menschen mit Angsterkrankungen großen Stress bedeuten. Klar, entspannen am Meer, wandern in den Bergen oder eine neue Stadt erkunden: das klingt erstmal aufregend und toll. Und auch Menschen mit Angsterkrankungen wünschen sich häufig, in den Urlaub zu fahren. Wenn da bloß nicht diese Flugangst wäre. Oder die Angst vor dem überfüllten und hektischen Bahnhof. Die Angst vor einer Panikattacke oder vor unbekannten Krankheiten. 

Aber auch trotz Panikattacken, Phobien oder Angstzuständen kannst du in den Urlaub fahren. Es braucht natürlich den Wunsch und den Willen zu verreisen und vor allem eine gute Vorbereitung. Folgende Informationen und Tipps können dir helfen, deine nächste Reise ein bisschen weniger beängstigend zu machen. 

Tipps, wie du trotz Ängsten verreisen kannst

Identifiziere typische Reise-Stressoren.

Auch für Menschen ohne Angsterkrankungen kann eine Reise stressig sein. Sei es ein Kulturschock, ein anderes Klima, Zeitverschiebung, Reizüberflutung oder Sprach- und Kommunikationshindernisse. All diese Dinge können aufwühlend sein und uns aus dem Gleichgewicht bringen. Eine Vorbereitung für eine Reise ist daher immer und für jede:n empfehlenswert. Informiere dich vor Beginn über dein Reiseziel, zum Beispiel auf der Seite des Auswärtigen Amtes. Je nachdem Reiseziel kann auch eine präventive reisemedizinische Beratung (z.B. durch Hausärzt:innen oder Tropenmediziner:innen) sinnvoll sein. 

Für Menschen mit Angsterkrankungen kommen aber häufig noch ganz andere Schwierigkeiten hinzu. Das kann eine Flugangst sein, die dich bereits vor Beginn deiner Reise heimsucht. Oder die Angst vor dem Ungewissen in einer fremden Stadt, die dich sämtliche Horrorszenarien durchspielen lässt. Ein Urlaub birgt viele Situationen, in denen Angstzustände auftreten können. Eine gute Vorbereitung ist daher für Menschen mit Angststörungen besonders wichtig und gibt Sicherheit.

Kenne deine Ängste.

Setze dich mit deiner Angst auseinander. Versuche die Situationen, in denen deine Angst auftritt zu (er)kennen und die Auslöser deiner Angst zu bestimmen. Wie fühlt sich deine Angst an, was sind typische Angstgedanken und wie verhältst du dich in Angstsituationen? Freunde dich mit deiner Angst an. Es ist wichtig, sie zu verstehen und zu wissen, was sie mit dir macht, bevor du auf Reisen gehst. Denn egal, wohin du gehst, fährst oder fliegst, deine Angst ist ein Teil von dir und wird dabei sein. Das ist vielleicht nicht schön, akzeptierst du die Angst jedoch, nimmst du ihr die Macht. 

Überprüfe unrealistische Erwartungen.

Raus aus dem Alltag, frische Luft schnuppern, eine ganz neue Umgebung kennelernen? Klingt so, als würden sich alle Probleme in Luft auflösen. Aber zu hohe Erwartungen, dass ein anderes Umfeld alles bessert, sind gefährlich. Ja, Reisen kann befreiend, entspannend und sogar therapeutisch wertvoll sein. Aber zu hohe Erwartungen enden häufig in Enttäuschung. Ein Urlaub muss (und kann) nicht perfekt sein. Schwierige, herausfordernde oder beängstigende Situationen können auftreten und das ist in Ordnung, das gehört dazu. Auch zu hohe Erwartungen an dich selber (“Ich muss meinen Urlaub genießen”, “Ich darf keine Angst haben.”) können Stress auslösen und steigern dadurch die Wahrscheinlichkeit der Angst sogar. Du musst nicht direkt um die halbe Welt fliegen, auf den höchsten Aussichtsturm klettern oder in ein volles Museum gehen, nur weil die anderen es machen. Bleib bei dir, mache kleine Schritte und nur das worauf du Lust hast. 

Sei vorbereitet. 

Für den Fall, dass die Angst kommt, kannst du dich vorbereiten. Du kannst dabei ähnlich Vorgehen wie bei der Prävention von Angst-Rückfällen. Stelle dir für mögliche Angstattacken oder schwierige Situationen in deinem Urlaub einen “Werkzeugkoffer” mit hilfreichen Strategien zusammen. Packe Dinge ein, die du brauchst, um dich sicher und wohl zu fühlen und habe sie griffbereit. Egal, ob bestimmte Medikamente, einen Stachelball oder die Audiodatei einer Meditation: Nimm auf deine Reise mit, was du sonst auch benötigst. Möglicherweise wirst du diese Dinge niemals auspacken – sie können dir aber Sicherheit geben.
Bereite dich auch auf schöne Dinge vor und fokussiere nicht nur das Negative. To-Do-Listen mit schönen Aktivitäten und Orten können helfen, um die Angst durch Vorfreude zu verringern. Außerdem kannst du sie als “Plan-B”-Vorschläge benutzen, falls die Angst doch mal dazwischen kommt und etwas nicht funktioniert.

Sprich mit deinen Reisebegleiter:innen.

Wenn du mit anderen Menschen verreist, bereite auch sie vor. Lass sie wissen, wie es dir geht, was dir helfen kann und was du dir von ihnen wünscht, wenn es dir schlecht gehen sollte. 

Gib nicht auf.

Eine Reise trotz Angsterkrankung anzutreten ist unheimlich mutig! Da ist auch ein kleiner “Ausrutscher” der Angst trotz guter Vorbereitung kein Weltuntergang. Sei liebevoll und geduldig mit dir, nimm dir die Zeit die du brauchst und mache weiter, wenn es wieder geht.

In den Urlaub fahren oder lieber zu Hause bleiben? 

Diese Frage kannst du letztlich nur selber beantworten. Es gibt Menschen, die können oder wollen gar nicht verreisen, finden es zu Hause schön und sind damit zufrieden. In einem solchen Fall ist es natürlich überhaupt nicht nötig, eine Reise anzutreten, nur weil andere das vielleicht gern machen. Wenn du aber den Wunsch hast, zu verreisen und deine Ängste dir da im Wege stehen, dass solltest du versuchen, dich nicht von ihnen einschränken zu lassen, sondern deinem Wunsch zu folgen. Informiere dich über dein Ziel, akzeptiere deine Angst als einen Teil von dir und bereite dich auf mögliche Angstsituationen vor. Die Invirto App kann dir in deinem Urlaub helfen. Du kannst sie überall mit hinnehmen und so flexibel an deiner Angst (weiter)arbeiten. Auch bereits bearbeitete Inhalte der App kannst du immer wieder auffrischen und sie bei Unsicherheiten noch einmal durchgehen. 

Quellen:

Kursbuch Reisemedizin: Beratung, Prophylaxe, Reisen mit Erkrankungen (T. Jelinek)

Psychische Störungen auf Reisen und bei Auslandsaufenthalten (G. Laux)

Reisen und Psyche: Wie sich Risikofaktoren und Stressoren minimieren oder ganz vermeiden lassen (H. Müller-Ortstein, Redemanuskript der Pressekonferenz des CRM Centrum für Reisemedizin, 2019)

Foto von Porapak Apichodilok von Pexels

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