Leistungsdruck und Kontrolle im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen

29.10.2021

Das Bild von Leistung und Kontrolle in der Gesellschaft – und der Zusammenhang mit psychischen Störungen

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Leistung und Perfektion als höchstes Gut angestrebt wird. “Wenn ich viel leiste und mein Leben ‘unter Kontrolle’ habe, bin ich etwas wert, werde erfolgreich, sorgenfrei und glücklich sein”. So oder so ähnlich haben wir den Stellenwert von Leistung verinnerlicht. Das hat verschiedene Ursachen, einer davon liegt in den sozialen Medien. Dort sehen wir ständig, wie erfolgreich, schön und glücklich andere Menschen sind. Auch in der Werbung sind wir dauernd mit vermeintlich perfekten Menschen und ihrem Leben konfrontiert – und vergleichen uns damit. Somit ist der Leistungsdruck nicht nur bei der Arbeit oder im Studium enorm, auch die Partnerschaft, Freundschaften, der Urlaub oder die Wohnung muss perfekt sein. Es ist angesehen ehrgeizig, ambitioniert und strebsam zu sein – doch um welchen Preis? Welche Auswirkungen Leistungsdruck und Kontrolle auf die psychische Gesundheit haben und wie du damit umgehen kannst, erfährst du hier.

Der Vergleich mit anderen Menschen

Leistung, Perfektion und Kontrolle spielen eine große Rolle in unserer Gesellschaft. Als Kinder werden wir schon für gute Schulnoten gelobt und bekommen Anerkennung. Uns wird gesagt, dass wir es so zu etwas schaffen können. Was “gut” und “schlecht” ist, wissen wir allerdings nur, weil wir uns mit anderen vergleichen. Um zu verstehen, wo wir in der Welt stehen und um Gemeinschaft sicher zu stellen, ist der zwischenmenschliche Vergleich nötig und sogar ganz natürlich und wichtig für die Entwicklung. Das Schwierige daran ist nur: in der heutigen vernetzten und digitalen Welt sehen wir plötzlich unzählige Menschen, mit denen wir uns vergleichen können. Zudem zeigen die meisten Menschen online nur die schönsten und besten Momente ihres Lebens. Dadurch steigen unsere Ansprüche an uns selber, aber auch die Angst davor, diese Ideale nicht erreichen zu können. Oftmals schämen wir uns sogar dafür, wenn wir mal “nichts” tun oder es fällt uns schwer zu entspannen. Dadurch, dass wir oft für Leistung gelobt werden, kann sogar der gefährliche Grundgedanke entstehen, dass wir nur etwas wert sind und geliebt werden, wenn wir Leistung erbringen – am Besten bis zur Perfektion. 

Leistungsdruck und Kontrolle im Zusammenhang mit psychischen Störungen

Aber Perfektion funktioniert nicht. Auf dem Weg dorthin arbeiten wir uns auf und kommen niemals an. Denn haben wir ein Ziel erreicht, sehen wir neue Baustellen und stecken uns höhere Ziele. Das kann nicht nur Stress herbeiführen sondern auch zu der Entwicklung von Burnout, Angststörungen, Zwangsstörungen oder Depressionen führen. Zudem hindert Leistungsdruck psychisch erkrankte Menschen oft daran, über ihre Störung zu sprechen. Wahrscheinlich, weil sie sonst womöglich in unserer leistungsorientierten Gesellschaft als “faul” oder “schwach” gelten würden. Menschen mit psychischen Störungen wird somit suggeriert, dass es in ihrer Verantwortung bzw. an ihrem Können läge, nicht krank oder schnell wieder gesund zu werden. Sie versuchen daher oft, alles besonders richtig zu machen. Sie befolgen Normen und Regeln, versuchen jeden Fehler zu vermeiden, sind wenig spontan und sehr kontrolliert, aus Scham oder Angst, abgelehnt zu werden. Die Angst vor Kontrollverlust kann dann zusätzlich hinzukommen, was besonders Menschen mit Angststörungen (und Zwangsstörungen) kennen. 

Denn Angst hängt häufig mit der Empfindung zusammen, die Kontrolle zu verlieren. Um ihre Angst in Grenzen zu halten, fangen viele Menschen mit Angststörungen daher an, sehr viel stärker zu kontrollieren. Ob sie alles richtig gemacht haben, ob andere Menschen komisch schauen, ob wirklich keine Spinne hinter der Tür sitzt oder ob die Route in den Urlaub gut genug geplant ist. Das paradoxe ist: diese Kontrolle, die dafür sorgt, dass unsere Ängste kurzzeitig abnehmen, führen langfristig dazu, dass die Ängste bestehen bleiben und wir weiterhin kontrollieren müssen, um die Ängste loszuwerden. Das Leben “unter Kontrolle” haben, bedeutet für sie also nicht Erfolg und Leistung, sondern sich in einem Teufelskreis zu befinden. 

Was kannst du tun um Leistungsdruck, Perfektionismus und Kontrolle zu verringern? 

Nicht nur für Menschen mit psychischen Störungen kann es hilfreich sein, das Bild von Leistung und Kontrolle in der Gesellschaft zu reflektieren und einzuordnen, wie sie davon beeinflusst werden. Wir alle sind dem Druck ausgesetzt, gut zu performen. Wir alle sind mit dem angeblich perfekten Leben unserer Mitmenschen konfrontiert. Wir alle vergleichen uns. Und wahrscheinlich wollen wir alle erfolgreich sein und unsere Ziele erreichen. Das ist völlig normal und in Ordnung. Für die psychische Gesundheit ist es jedoch besser, weniger frustrierend und erfolgversprechender, sich mit sich selber zu vergleichen, als mit anderen Menschen. Stecke dir deine Ziele also besser anhand deines aktuellen Lebensumstandes, als anhand eines “perfekten” Instagram-Lebens. Mache dir bewusst, dass das, was wir jeden Tag in den Medien sehen, nicht der Realität (und vor allem nicht deiner Realität) entsprechen muss. 

Hast du immer einen vorgegebenen Weg im Kopf, planst alles bis ins Detail und behältst immer die Kontrolle? Perfektion ist einschränkend. Klar, nicht gut vorbereitet sein, nicht zu wissen, was passiert oder was andere denken kann beängstigend sein. Aber die Kontrolle ein wenig abzugeben und Dinge nicht perfekt machen wollen, bedeutet Freiheit zulassen. Freiheit, spontaner zu sein, Neues zu erleben und zu entdecken, was dir wichtig ist und nicht was die Gesellschaft dir sagt, was wichtig ist. Das ist natürlich nicht ganz leicht und vielleicht kann Achtsamkeit dir helfen. Damit lernst du deine Gedanken, Empfindungen und Gefühle zu beobachten. Das kann dir zeigen, in welchen Situationen du Leistungsdruck oder Angst vor Kontrollverlust empfindest. Akzeptiere, was da ist, ohne deine Gefühle oder Gedanken zu bewerten und dich dafür zu verurteilen.

Fällt dir das noch sehr schwer, denke zunächst an einen lieben Menschen: Ist dieser Mensch perfekt? Wäre dieser Mensch mehr wert, wenn er oder sie perfekt wäre? Liebst du ihn oder sie nur, weil etwas geleistet wurde? Würdest du ihm oder ihr eine Pause oder einen schönen Urlaub gönnen? Und dann denke an dich. Anerkennung und Liebe sollte nicht von Leistung abhängig gemacht werden. Egal, was du in deinem Leben geschafft, oder nicht geschafft hast, du bist wertvoll. Und was du jetzt gerade brauchst, sollte von niemand anderem abhängig gemacht werden, als von dir.

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